Alle Jahre wieder

Vom Push zum Peak — Fol­ge 001:  Alle Jah­re wie­der trifft sich die Geschäfts­füh­rung von Nie­gel & Nagel­neu zur Bespre­chung, mit wel­chen Geschen­ken sie ihre Kun­den zu Weih­nach­ten über­ra­schen wol­len. Es stellt sich die Fra­ge, ob Geschen­ke über­haupt not­wen­dig sind?

#push2peak  #smart­fic­tion

Montag d. 27. November

Guten Mor­gen!“. Mür­risch blickt Dr. Ober­haupt in die Run­de. Wie jeden Mon­tag sit­zen die Kol­le­gen von Nie­gel & Nagel­neu in der Unter­neh­mens­zen­tra­le, um mit ihrem Geschäfts­füh­rer im Mon­tags­mee­ting über die kom­men­de Woche zu spre­chen. Es ist ein grau­er Tag und der Regen pras­selt an die Schei­ben.  „Herr Fakt“, wen­det der Chef sich an den Pro­duk­ti­ons­lei­ter, „was haben Sie für die­se Woche auf dem Zet­tel?“  Der ange­spro­che­ne Inge­nieur rich­tet sich ker­zen­ge­ra­de auf und ant­wor­tet wie aus der Pis­to­le geschos­sen: „Die alte Stan­ze ist 20 Jah­re alt und braucht neu­es Unter­fut­ter, die Repa­ra­tur dau­ert etwa drei Wochen. Ich hab´ die Repa­ra­tur­an­fra­gen schon raus­ge­schickt.  Der Maschi­nen­bau­meis­ter Alt­mül­ler will nächs­ten Monat für sechs Wochen in Kur, so dass er den gan­zen Janu­ar über aus­fällt.  Was soll man machen, der Gute ist 63 und hat einen kaput­ten Rücken.  Tja und dann haben wir am Frei­tag ein Qua­li­täts­au­dit mit dem Kun­den Nör­gel­frey, der letz­te  Woche die Hälf­te unse­rer Lie­fe­rung moniert hat, weil angeb­lich die Löcher nicht exakt genug gebohrt wur­den“.

 Dr. Ober­haupt nagt an sei­nem Kugel­schrei­ber. Dann fragt er noch mür­ri­scher: „Und was ist nun mit die­sem Nör­gel­frey?“ „Die Sach­la­ge ist ein­fach“, erklärt Fakt.  „Die Zeich­nun­gen, die er uns geschickt hat, haben nicht gestimmt Der Kun­de hat bei der Mil­li­me­ter­an­ga­be einen Zah­len­dre­her in den Aus­schrei­bungs­un­ter­la­gen gehabt.“ Dr. Ober­haupt kneift die Augen zusam­men, wie immer, wenn er sei­nen Ärger unter­drü­cken will. „Und Sie haben das im Griff, oder? Immer­hin geht es um eine Men­ge Blech!“  Ingo Fakt klopft auf sei­ne Map­pe. „Ich hab´ das alles ganz genau geprüft. WIR machen kei­ne Feh­ler!“

Und was gibt’s noch?

Der Chef seufzt und schaut zu den ande­ren Kol­le­gen in die Run­de, als wür­de er um wei­te­re  Mei­nun­gen zu dem The­ma bit­ten . Doch die Kol­le­gen gucken alle eif­rig in ihre Schreib­blö­cke und tun so, als wür­den sie sehr wich­ti­ge Noti­zen machen. Nur Lena, die Assis­ten­tin tippt pflicht­eif­rig  in ihren Lap­top, so dass ihre lackier­ten Fin­ger­nä­gel auf der Tas­ta­tur klap­pern. Sie schreibt wie immer das  Pro­to­koll  für das Mee­ting. Nach einem kur­zen Moment  blickt sie  erwar­tungs­voll zu ihrem Chef, was er als nächs­tes sagen wird.  Dr. Ober­haupt macht eine weg­wi­schen­de Hand­be­we­gung   und fragt dann in die Run­de: „Und was gibt´s noch?“

Wir haben bald Weihnachten

Zögernd hebt Mark Etin­ger die Hand. Der jun­ge Kol­le­ge ist erst drei Jah­re im Unter­neh­men und gilt mit sei­nen 32 Jah­ren nach wie vor noch als Anfän­ger, der von den „alten Hasen“, nur sel­ten wahr­ge­nom­men wird. Dr. Ober­haupt hebt irri­tiert die Augen­brau­en. „Was gibt´s?“ fragt er. „Wir haben bald Weih­nach­ten“, sagt Mark Etin­ger, „und wir soll­ten uns über­le­gen, was wir in die­sem Jahr für eine Weih­nachts­ak­ti­on für unse­re Kun­den machen.“ Es stimmt, Mark Etin­ger ist für das Mar­ke­ting in der Fir­ma zustän­dig, und beim Blick auf den Kalen­der kann man das vor­rü­cken­de Jah­res­en­de nicht leug­nen. Es ist tat­säch­lich schon wie­der Weih­nach­ten.  Also nickt der Fir­men­chef im zu und lädt ihn mit einer Hand­be­we­gung zum Wei­ter­spre­chen ein.

Die Salamitaktik

 „Ich habe mir gedacht, wir könn­ten unse­re Kun­den ein Päck­chen Schin­ken schi­cken“. Doris Dau­er, die lang­jäh­ri­ge Chef­buch­hal­te­rin stöhnt auf. „Was sol­len wir denn noch alles machen?“ „Wir sind am Jah­res­en­de, was glau­ben Sie, was wir da in der Buch­hal­tung alles zu tun haben? Da ist kei­ne Zeit zum Päck­chen packen.“ Sie redet sich in Fahrt.  „Im letz­ten Jahr haben wir zehn Arbeits­ta­ge gebraucht, um alle 1.382 Sala­mis zu ver­pa­cken, die Glück­wunsch­kar­ten zu schrei­ben und das Zeug zur Post zu brin­gen. Und was das gekos­tet hat, 1.382 Würs­te à 7,80€ plus Ver­pa­ckung und Por­to. Na, da kön­nen Sie sich ja aus­rech­nen, wie viel Geld das war!“

Die Reziprozität

Dr. Ober­haupt fixiert sei­nen Ver­triebs­chef. „Herr Schie­ber, was sagen Sie dazu? Brau­chen wir eine Sala­mi­tak­tik, um mit unse­ren Kun­den im kom­men­den ins Geschäft zu kom­men? Oder reicht auch eine Glück­wunsch­kar­te von Unicef?“  Der Ange­spro­che­ne  zuckt mit den Schul­tern. „Na also so direkt weiß ich auch nicht, was das bringt. Aber das machen doch alle. Wie sieht denn das aus, wenn wir kei­ne Päck­chen ver­schi­cken?  Dann den­ken doch unse­re Kun­den, wir kön­nen uns das nicht leis­ten.“  Etin­ger hebt ener­gisch die Hand: „Also das woll­te ich ja sowie­so immer schon mal sagen“, bricht es aus ihm her­vor. „Wir im Mar­ke­ting wis­sen ja gar nicht so rich­tig, wel­che Kun­den die bes­ten Kun­den sind. Wie sol­len wir da ver­nünf­ti­ge Kam­pa­gnen pla­nen? Da brau­chen wir zukünf­tig drin­gend mehr Infor­ma­tio­nen.“ Schie­ber guckt ihn  über­rascht an. Doch Etin­ger lässt sich nicht beir­ren. Ver­söhn­lich  fügt er hin­zu „ Im Übri­gen fin­de ich auch, dass wir unbe­dingt Geschen­ke ver­sen­den soll­ten. Schließ­lich gibt es doch die­ses Gesetz von Herrn Cial­di­ni, der sagt, dass man beim Ver­kau­fen auf Rezi­pro­zi­tät ach­ten soll. Und wenn wir unse­ren Kun­den was zu Weih­nach­ten schen­ken, dann füh­len sie sich anschlie­ßend ver­pflich­tet, uns eben­falls einen Gefal­len zu tun, bei­spiels­wei­se bei uns zu kau­fen.“

 „Ist ja in Ord­nung“, brummt  die Chef­buch­hal­te­rin.  „Aber ich wür­de schon gern wis­sen, war­um das so teu­er sein muss?“ „Müs­sen wirk­lich alle Kun­den, die wir in unse­rer Kar­tei haben, ein Geschenk bekom­men?“

 „Und was ist, wenn die Kun­den Vege­ta­ri­er sind?“ fragt Lena auf­ge­regt dazwi­schen, wäh­rend sie sich bemüht, das Gespräch zu notie­ren.  „Oh nö, nicht das auch noch“, fällt ihr  Schie­ber ins Wort. „Vor zwei Jah­ren muss­ten wir die tra­di­tio­nel­le Whis­ky­fla­sche abschaf­fen, wegen mög­li­chem Alko­ho­lis­mus und jetzt auch noch die Bio­fres­ser. Wie wäre es in die­sem Jahr mit einer Rol­le But­ter­keks zu Weih­nach­ten? Zucker­frei natür­lich!“ endet er sar­kas­tisch und ver­schränkt grim­mig  die Arme vor der Brust.

 Alle Augen rich­ten sich auf Dr. Ober­haupt. Der reibt sich über die Stirn und ant­wor­tet dann: „Also so ganz ohne Fak­ten kön­nen wir das hier nicht ent­schei­den. Ich schla­ge vor, wir tref­fen uns noch mal in 3 Tagen und dann bringt jeder die ent­spre­chen­den Infor­ma­tio­nen mit. Lena wür­den Sie bit­te eine Lis­te mit mög­li­chen Geschen­ken vor­be­rei­ten – in drei Preis­ka­te­go­ri­en A, B und C. Herr Etin­ger wird uns einen Vor­schlag machen, wie wir auf ver­nünf­ti­ge Wei­se die vor­han­de­nen Adres­sen kate­go­ri­sie­ren kön­nen. Und Herr Schie­ber wür­den Sie sich bit­te dar­über Gedan­ken machen, wie vie­le  Adres­sen denn tat­säch­lich zu bear­bei­ten sind – und den­ken Sie bit­te auch an die alten Kun­den­da­ten von 2014. Viel­leicht kann man da doch noch mit einem Weih­nachts­ge­schenk was machen?“

Vom Push zum Peak 001

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